Stell dir vor: Ein potenzieller Kunde sucht nach „vegane Proteinriegel“. Er bekommt direkt in der Google-Suche eine Produktempfehlung, klickt auf „Jetzt kaufen“, bezahlt mit Google Pay – ohne je deine Website zu betreten.
? Keine Session.
? Kein Referrer.
? Keine Conversion in Google Analytics oder deinem Lieblingstool Trackboxx.
Aber: Ein Kauf ist passiert. Willkommen im Zeitalter von Zero‑Click‑Commerce.
Was ist Zero‑Click‑Commerce?
Er sucht nicht bei dir. Er klickt nicht auf deine Anzeige. Er besucht nicht deinen Shop. Und trotzdem kauft er – direkt in der Suche. Was wie Science-Fiction klingt, ist längst Realität: Zero‑Click‑Commerce ist gekommen, um zu bleiben.
Zero-Click-Searches auf die Spitze getrieben
Zero‑Click‑Commerce ist die logische Weiterentwicklung von Zero‑Click‑Searches. Einem Thema, dem wir uns bereits an anderer Stelle ausführlich gewidmet haben.
Doch nun geht es nicht mehr nur darum, Informationen ohne Klick zu liefern und die Touchpoints in der Customer Journey mit Webseiten zu verringern, sondern auch um komplette Kaufprozesse und Transaktionen, die ohne jeglichen Websitekontakt innerhalb der Suchplattformen stattfinden und naturgemäß Auswirkungen auf Webanalyse wie wir sie bislang kannten haben werden.
➡️ Der ganze Kaufprozess läuft bei Zero-Click-Commerce innerhalb der Plattform, ohne Umweg:
- Google Shopping & AI Overviews mit „Jetzt kaufen“-Button direkt in den Suchergebnissen
- Voice Commerce per Alexa, Google Assistant oder via automatischer Nachbestellung (Predictive AI)
- Social-Commerce über Instagram oder TikTok Embeds – der Checkout läuft im Feed
- Empfehlungen in ChatGPT oder Perplexity mit integrierter Kaufabwicklung durch verknüpfte Konten
Dein Shop existiert und liefert weiterhin das Produkt – aber er irgendwie doch komplett umgangen.
Webanalyse: Wie man eine Conversion misst, die nicht stattfindet
Webanalyse ist heute noch oft wie ein Haus mit Klingel: Der Kunde kommt, drückt – du weißt, dass jemand da ist.
Bei Zero‑Click‑Commerce: Der Kunde nimmt das Produkt vom Fensterbrett – und geht, ohne zu klingeln.
Was passiert konkret?
| Früher (klassisch) | Jetzt (Zero‑Click) |
| Klick auf deine Website | Kauf direkt in Google/Meta |
| Conversion in GA4 sichtbar | Kein Event, keine Session |
| Referrer/UTM erkennbar | Kein Kanal zuordenbar |
| SEO-Ranking → Traffic | AI-Zitation → Unsichtbar |
Tracking kollabiert, weil der sichtbare Klick wegfällt. Nicht, weil nichts passiert – sondern, weil es anderswo passiert.
Warum Plattformen das so wollen
Hier wird es strategisch. Zero‑Click‑Commerce ist kein Unfall. Es ist ein Feature.
Denn wer: den Suchprozess kontrolliert (Google), den Checkout hostet (Amazon, Meta) und den Assistenten stellt (ChatGPT, Alexa) …
… der kontrolliert den ganzen Funnel.
Das bedeutet:
- Plattformen verdienen in Zukunft nicht nur an Ads, sondern an Transaktionen.
- Eigene Shops werden zu Erfüllungsgehilfen.
- Wer „nur“ verkauft, verliert Daten, Kontrolle, Markenbindung.
? Der nächste logische Schritt: „Buy Now“-Buttons direkt in AI-Antworten. Und irgendwann: vollautomatische Kaufvorschläge basierend auf deinen Kalender-Events und deinem Verbrauch.
Wie Shops (noch) kontern können
Nicht jeder muss zum riesigen Marktplatz werden. Aber jeder muss verstehen:
Wenn du den Klick verlierst, musst du an anderer Stelle sichtbar werden.
Strategien:
1. Zero‑Party‑Daten aufbauen
- Kundenbindung durch Newsletter, Login‑Bereiche, exklusive Inhalte
- Tools wie Klaviyo, Tracify, JENTIS oder cookiefreie Trackinglayer nutzen
2. In AI sichtbarer werden
- Content nicht nur für Google, sondern für Prompts & KI-Ausgaben gestalten
- Zitierbare Aussagen, strukturierte Daten, Trust-Signale
3. APIs & Feeds gezielt nutzen
- Produktdaten aktiv in Shopping-Plattformen pushen (Google Merchant, TikTok Shop etc.)
- Checkout-Systeme für Embedded Commerce vorbereiten
4. Tracking neu denken
- Server‑Side‑Tracking (GA4, Conversion API, Webhooks)
- Event‑basiertes Reporting statt Pageviews
- AI‑Zitationsmonitoring: Tools wie seo.ai, eigene GPT-Abfragen, Monitoring via RAG
Was bedeutet Zero‑Click‑Commerce für eigene Onlineshops – Spielwiese nur für große Plattformen?
Zero‑Click‑Commerce verspricht Komfort, Geschwindigkeit und nahtlose Transaktionen – aber nur für jene, die ins System passen. Und das sind vor allem die großen Plattformen mit ihren integrierten Ökosystemen. Für kleine und mittlere Shops ist der Zugang deutlich schwieriger – und die Regeln werden nicht von ihnen gemacht.
? Warum Amazon, Google & Co. klar im Vorteil sind:
- Verknüpfte Bezahlkonten
Nutzer sind bereits mit Google Pay, Amazon Pay oder Apple Pay verbunden. Der Checkout ist ein Klick – kein Formular, kein Widerstand. - Datentiefe & Nutzerhistorie
Plattformen wissen, was Menschen wollen, kaufen, wann sie nachbestellen – und spielen Angebote exakt im richtigen Moment aus. - Vertrauensvorschuss
Käufer fühlen sich in bekannten Interfaces sicherer. „Jetzt kaufen bei Google“ wirkt verlässlicher als ein unbekannter Shop. - Direkte Systemintegration
Eigene APIs, Shopping-Karten, Voice-Kommandos, Embedded Checkout – alles läuft inhouse, ohne Abhängigkeit. - Plattform-Priorisierung
Wer zahlt, bekommt Sichtbarkeit. Große Anbieter pushen ihre eigenen Listings bevorzugt – in AI Overviews, Shopping-Modulen oder Voice-Antworten.
⚠️ Realität für kleine Shops:
- Eventuell Kein Zugang zu zentralen KI-Schnittstellen
- Kein natürlicher Trust – jedes neue UI braucht Erklärung
- Höhere Checkout-Reibung (mehr Schritte, weniger Konversion)
- Sichtbarkeit nur über Umwege (z. B. über Feeds, Marktplätze, D2C-Marke)
? Fazit: Zero‑Click‑Commerce ist aktuell eine Bühne für Plattformen –
kleine Shops müssen mitspielen, anknüpfen oder gezielt abgrenzen,
wenn sie nicht völlig aus der Customer Journey verschwinden wollen.
Und was macht Google Analytics – wird GA4 heimlicher Gewinner?
GA4 ist aktuell blind für Zero‑Click‑Commerce – aber das könnte sich ändern.
Szenarien:
- Google integriert AI Overviews Reporting in die Search Console
- GA4-Integration mit Google Pay / Buy-on-Google wird erweitert
- Plattformübergreifende Dashboards für „AI-driven Interactions“ kommen
Für Shop-Betreiber könnten diese Daten bald der einzige AI‑Sichtbarkeitszugriff sein – ähnlich wie GMB früher für lokale Sichtbarkeit.
Kann Tracking via API noch greifen?
Noch gibt es keine einheitliche Metrik-Welt für Zero‑Click‑Commerce. Aber Plattformen experimentieren mit ersten Reporting-Ansätzen – und das Tracking verlagert sich weg von der Website hin zu Plattforminternen Insights.
| Plattform | Status (Juli 2025) | Mögliche Tracking-Daten (perspektivisch oder teilweise verfügbar) |
| Google (AI Overviews, Shopping) | Noch keine KI-Tracking-API – aber direkte Produktplatzierungen in AI Overviews & Google Shopping. | – Anzahl Nennungen in AI Overviews (ähnlich wie Featured Snippets)– Impressionen & Klicks auf „Buy on Google“-Module– Sichtbarkeit in Gemini UI (später evtl. in Search Console/GA4 integriert) |
| ChatGPT / Perplexity | Kein offizieller Analytics-Zugang, aber klare Quellenangabe bei Zitaten. | – Zitationshäufigkeit einer Domain– Prompt-Relevanz (z. B. „Seiten, die GPT häufig in Antwort X erwähnt“)– Datenzugriff via OpenAI API / RAG-Feeds bei Enterprise-Plänen |
| Bing / Microsoft Copilot | Integration mit Bing Shopping & Produktmodulen im Chat – API-Strategie offen. | – Klicks auf Shopping Cards im Chat– Erwähnung/Nennung in Copilot-Quellen– Datenverknüpfung mit Microsoft Clarity oder Ads denkbar |
| Social Commerce (TikTok, Instagram) | Checkout innerhalb der App möglich; Performance-Dashboards verfügbar für Shops. | – Klickzahlen, Warenkorbraten, Käufe– View-Through-Conversions (ohne Linkklick)– UGC-Auswertung & Influencer-Link-Attribution via Creator Tools |
Plattformen könnten selective AI-Insights anbieten – z. B. „Domain XYZ wurde in Gemini‑Overview 12 × genannt“ – ähnlich wie Google My Business Insights.
Können Tools wie SISTRIX das erfassen?
Theoretisch ja – folgende Entwicklungen sind nötig:
- Prompt-basiertes Crawling: Tools fragen KI-Systeme selbst („Nenne Produkte von Marke X“)
- Analyse von AI-Zitaten: Erkennung von Domain-Nennungen in ChatGPT/Perplexity-Antworten
- Integration neuer API-Daten: Einbindung von platformseitigem AI–Performance Reporting
- Neue Metriken in das Tool-UI: z. B. „AI-Mention-Score“, „Zero‑Click‑Commerce-Konversions“ oder „Fast‑Checkout‑Impressions“
Aktuelle Beispiele zeigen erste Schritte:
- seo.ai: „AI Visibility Score“
- Semrush: Pilotphase mit Gemini‑Tracking
- Ahrefs: Passage‑ und Entity‑Analyse
- Sistrix müsste ähnlich investieren, um in dieses Feld vorzustoßen.
Übersicht: Was ist heute schon Realität – und was ist noch Zukunft?
| Feature / Entwicklung | Status 2025 | Realität oder Zukunft? | Details / Ausblick |
| Kauf direkt aus Google Shopping / Bing | ✅ Realität | Bereits verfügbar | „Buy on Google“ wurde zwar in vielen Ländern eingestellt, aber ähnliche Funktionen gibt es über Google Shopping Ads, mit Checkout-Links (z. B. bei Shopify-Händlern) |
| Embedded Checkout in Social Media (Instagram, TikTok) | ✅ Realität | Voll im Einsatz | Instagram Checkout (USA), TikTok Shop (u. a. UK, SEA) ermöglichen den Kauf im Feed, ohne Website |
| Voice Commerce (z. B. Alexa Nachbestellung) | ✅ Realität | Etabliert bei Amazon & Co. | Alexa erlaubt automatische Nachbestellungen („Alexa, bestelle Windeln“), oft via Abo-Modellen |
| Produkt-Empfehlungen in Chatbots (ChatGPT, Perplexity) | ? In Ansätzen | Teils Realität, teils Zukunft | Perplexity zeigt verlinkte Quellen & Produkte, ChatGPT kann Produkte nennen – aber kein echter Checkout bisher |
| Zitationen von Marken/Domains in AI Overviews & GPT-Antworten | ✅ Realität | Schon sichtbar, aber nicht messbar | Zitate sind sichtbar – aber noch nicht per API auswertbar |
| Prompt Visibility, AI Mention Tracking | ? Pilotphasen | Visionär, aber erste Tools verfügbar | Tools wie seo.ai experimentieren mit AI Visibility Scores; keine offizielle API von OpenAI, Google oder Microsoft |
| Checkout direkt in AI-Chat (z. B. Bing Copilot oder Gemini) | ? Noch nicht öffentlich | Zukunftsmusik (aber wahrscheinlich) | „Buy Now“-Buttons in AI-Antworten sind logischer nächster Schritt, aber noch nicht aktiv – erste Experimente denkbar 2025/26 |
| Google AI Overviews Reporting in Search Console | ? Nicht verfügbar | Zukunftsmöglichkeit | Wird stark erwartet – bisher nur Hinweise in US-Expertenkreisen, keine offizielle Roadmap |
| GA4-Integration mit Google Pay / Shopping-APIs | ? Noch nicht vorhanden | Zukunftsmusik | Könnte kommen, wenn Google Commerce-Daten für Analytics freigibt |
| Einheitliche AI-Insights-Dashboards für Shops | ? Nicht existent | Langfristige Vision | Denkbar ab 2026+ – je nach API-Bereitschaft und Marktbedarf |
Ausblick: Wann kommt was?
| Zeitraum | Erwartbare Entwicklungen |
| 2025 (laufend) | Ausbau von TikTok Shop in EU, mehr Produktkarten in Bing Copilot, Perplexity verfeinert Quellennennung |
| 2025 Q4 – 2026 | Erste API-Zugänge für KI-Zitationen (z. B. über Enterprise-Pläne), Pilottests für Gemini-Commerce-Funktionen |
| 2026+ | Plattformübergreifende Reporting-Schnittstellen (AI Visibility Dashboards, GA4 AI-Integration), vollautomatisierter KI-gestützter Kaufprozess (predictive commerce) |
Fazit: Der Klick stirbt – aber das Interesse lebt
Zero‑Click‑Commerce ist nicht die Zukunft – es ist die Gegenwart. Und sie ist unbequem für alle, die Sichtbarkeit, Attribution und Kontrolle gewohnt sind.
Was jetzt zählt:
- Strategisch mitspielen (oder bewusst gegensteuern)
- Analytisch neue Wege gehen
- Plattformmacht nicht unterschätzen – aber auch nicht kampflos hinnehmen
Denn ja: Der Kunde hat gekauft. Aber du kannst trotzdem wissen, warum – wenn du deine Analyse neu erfindest.
? Lies auch:



